Interview: Priv.-Doz. Dr. Detlev Jäger

Dr. Detlev Jäger

Dr. Detlev Jäger

Dr. Detlev Jäger ist Chefarzt der Kardiologie am Klinikum Friedrichshafen, das seit dem 1. November bei Herzpatienten das Telemedizin-Portal Motiva von Philips und T-Systems einsetzt.

Herr Dr. Jäger, welche Chancen bietet Telemedizin den Ärzten des Friedrichshafener Klinikums?
Jäger:
An erster Stelle sehe ich den Nutzen für den Patienten, der davon profitiert, dass er durch Telemedizin an die viel kürzere Leine genommen, sprich viel strenger überwacht werden kann. Natürlich konnten wir auch bisher schon Patienten engmaschig einbestellen, um ein hohes Maß an Transparenz über ihren Gesundheitszustand zu bekommen. Aber verglichen mit den früheren Kommunikationswegen nimmt Telemedizin uns viel Arbeit und dem Patienten viel Fahrzeit, Wartezeit ab. Dazu kommt, dass ein Rechner die Vorauswahl der Patientendaten vornimmt und gegebenenfalls Alarm schlägt.

Aber das entlastet dann doch Ihr Arbeitszeitkonto?
Jäger:
Nein, da täuscht der erste Blick. Ich arbeite als Arzt effektiver, weil ich mit Telemedizin ein höhere Kontrolldichte, mehr Zuverlässigkeit und eine größere Versorgungsqualität erziele. Dieser Gewinn kommt dem Patienten sofort zugute, aber das Stundenengagement des Arztes steigt.

Welche Potenziale sehen Sie beim Einsatz von Telemedizin mit Blick auf das Zusammenspiel von Klinik, Hausarzt und Patient?
Jäger:
Sehr große. Dort, wo alle Beteiligten mitarbeiten, wo es gut funktioniert, wird das Zusammenspiel nahezu automatisiert. Wir erwarten auch, dass Telemonitoring den eigenverantwortlichen Umgang des Patienten mit der Krankheit fördert und ein unabhängigeres Leben zu Hause ermöglicht. Die private Umgebung wirkt sich positiv auf das Wohlfühlen und damit auf die Genesung des Patienten aus. Auch gibt uns die permanente Überwachung der Patienten die Chance, die Rate erneuter Krankenhauseinweisungen zu reduzieren. Das heisst: Wir können mehr Menschen besser versorgen. Da die Patientenzahlen aufgrund der demographischen Entwicklung steigen werden, kommt Telemonitoring eine entscheidende Bedeutung zu.

Haben Sie keine Sorge, die Kontrolle über den Patienten zu verlieren, wenn der zukünftig nicht mehr so häufig bei Ihnen persönlich vorstellig wird?
Jäger:
Überhaupt nicht, im Gegenteil. Die Kontrolle des Patienten bzw. seiner Werte und Daten wird in einer Kontinuität gewährleistet, die unsere Anbindung an ihn viel stabiler macht.

Welche Effekte auf das Gesundheitswesen - Stichwort Kostenreduktion - erwarten Sie, wenn Telekommunikation und Informationstechnologie immer schneller zusammen wachsen?
Jäger:
Vor allem volkswirtschaftliche. Denn medizinische Versorgung selbst wird durch Telemedizin nicht billiger, eher teurer. Mit Telemonitoring-Systemen bekomme ich mehr Qualität in eine intensivere Versorgung, die ich händig nie leisten könnte. Damit werden im ersten Schritt Preissteigerungen einhergehen, aber volkswirtschaftlich rechnen die sich. Sehen Sie, wenn ein Patient für einen Tag ausfällt, weil er zum Arzt geht, dann noch für zwei Tage krankgeschrieben wird, kostet das die Krankenkasse nichts, es kostet die Volkswirtschaft. Telemedizin ist ein Instrument der Patientenführung. Ein gut geführter Patient ist für die Krankenkassen im Grunde lästiger, als ein schlampig geführter.

Ärzte werden immer älter, kaum jemand will noch auf dem Land praktizieren. Kann Telemedizin die Lücken schließen?
Jäger:
Gerade in der Fläche entwickeln technische Systeme ihre Potenziale. Nur ein Beispiel: Radiologische Kompetenz, die ich irgendwo zentral bevorrate, wird über die telemedizinische Kette ortsunabhängig eingesetzt und das CT irgendwo anders, preisgünstig ausgewertet. Aber nicht nur die Ärzte, auch die Patienten werden immer älter, und zwar umso älter, je besser ihre medizinische Versorgung, die wir leisten können.

Welche Konsequenzen hat die demographische Entwicklung für den praktischen Einsatz von Telemedizin?
Jäger:
Sie setzt ihm enge Grenzen, und das ist ein Wermutstropfen. Natürlich sind die Entwickler der Systeme bemüht, ihre Handhabung so zuverlässig und bequem zu machen, wie möglich. Aber Grundvoraussetzung dafür, dass wir einen Patienten für telemedizinische Betreuung geeignet halten ist, dass er sich und wir uns auf seine Sinne verlassen können, dass er Regeln einhält. Kann er die Tasten im entscheidenden Moment vielleicht gar nicht sehen, sie nicht fühlen? – Hat er außer Herzinsuffizienz auch noch Parkinson, leidet er an Diabetes? – Das sind Fragen, die wir uns bei Patienten, die immer älter werden, immer häufiger stellen müssen. Menschen leben heute viel länger, sind aber häufiger auch polymorbid. – Diese Patienten können Sie nicht ohne Risiko an die telemedizinische Leine nehmen.

Wird sich Telemedizin dennoch durchsetzen?
Jäger:
Ohne Zweifel – mit den Einschränkungen, die ich genannt habe. Um es klar zu sagen: Telemedizin ist gleichermaßen für Diagnostik, Therapie und Prävention einzusetzen – Der Patient wird überwacht, bekommt zielgerichtete Ratschläge und gegebenenfalls den Input , wie er seinen Blutdruck in Ordnung hält und drohende Risikosituationen vermeidet. Das eine greift ins andere, und in Verbindung mit Schulungsprogrammen und Lehrfilmen, die ja Bestandteil der System-Kommunikation sind, bewegen wir uns auf einem sicheren Weg der Versorgung chronisch kranker Patienten in deren eigenen vier Wänden.

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